Die Legende von Kanea

Leuchtende Nebelwolke am Himmel hinter Bäumen am Himmel von Eradin

«Wenn die Monde sich verdunkeln, leuchtet Kanea im Himmel Eradins und bringt Frieden, Liebe und Fruchtbarkeit fürs kommende Jahr. In allen Farben lässt sie den Himmel erstrahlen, die Tochter des Gottes Esnan Sabi.»
Lin betrachtete die Inschrift über dem Herd und lächelte. Ja, Kaneas Nacht war etwas Besonderes. Die einzige Nacht im Jahr, in der sich beide Monde in derselben Phase befanden – Neumond. In dieser Nacht zierte ein farbig leuchtender, glitzernder Nebel den Nachthimmel – Kanea. Langsam wurde der Nebel über die nächsten sieben Nächte wieder vom Licht der Monde abgelöst. In diesen sieben Nächten feierten die Bewohner von Eradin das grösste Fest des Jahres.
Doch jetzt begann erst mal die Fastenzeit. Jeder gesunde Erwachsene sollte sieben Tage fasten. Mit ihren 15 Jahren gehörte sie nicht dazu. Sie nahm den Topf mit dem Gemüseeintopf vom Herd und schöpfte drei Teller. Den Rest brachte sie in den Keller, wo er länger frisch blieb. Zum ersten Mal hatte sie den Fasten-Eintopf – die klassische Mahlzeit für alle, die nicht fasteten – selber gekocht. Sonst hatte sie immer ihrer Mutter dabei geholfen. Doch diese war im Sommer verstorben. Ihr Vater und ihre Onkel hatten genug um die Ohren und ihre Tante war seit ein paar Tagen krank. Also musste sie sich um ihre Cousinen Jill und Ani kümmern.
Diese kamen gerade in die Küche, als Lin süsses Fladenbrot auf den Tisch stellte. Sie waren so hungrig, dass sie den Eintopf schweigend verschlangen. Kaum hatten sie fertig gegessen, rannte die sechsjährige Jill aus der Küche und kam mit einem Buch unter dem Arm zurück.
„Liest du uns was vor? Bitte, bitte“, bettelte sie und hielt Lin das Buch «Die Legende von Kanea» unter die Nase.
„Zuerst spülen wir die Teller“, sagte Lin bestimmt.
„Ach menno“, meinte Jill, folgte Lin jedoch zum Brunnen, wo sie ihre Teller abspülten.
Auch wenn dieses Jahr das Kanea Fest für Lin hart werden würde, sie würde dafür sorgen, dass es eins der schönsten für die zwei Mädchen werden würde.

Gefällt dir die Kurzgeschichte? Sie spielt am selben Ort wie mein Buch Die Geschenke der Götter